Published On: 25.10.2024
Kanada: Unterstützung von pflegenden Angehörigen

In Kanada spielt die Unterstützung pflegender Angehöriger eine zentrale Rolle in der häuslichen Pflege. Angesichts der wachsenden Anzahl älterer Menschen und des steigenden Pflegebedarfs haben sich verschiedene Programme und Initiativen entwickelt, die pflegende Angehörige entlasten und ermutigen sollen, weiterhin zu Hause zu pflegen. Diese Maßnahmen umfassen finanzielle Anreize, Schulungsangebote und spezialisierte Entlastungspflege, um den Alltag von pflegenden Familien zu erleichtern.

Programme für finanzielle Anreize und Schulungen

Kanada bietet eine Reihe von Programmen, die pflegende Angehörige finanziell unterstützen. Dazu gehören Steuervergünstigungen, Zuschüsse und direkte Pflegegelder. Ein prominentes Beispiel ist der „Caregiver Benefit“ in Nova Scotia, der pflegenden Angehörigen, die finanziell bedürftige, stark pflegebedürftige Familienmitglieder betreuen, monatliche Zahlungen gewährt. Weitere Programme, wie der „Family Caregiver Amount“ (FCA), ermöglichen steuerliche Entlastungen für diejenigen, die Familienmitglieder mit einer schweren Erkrankung oder Behinderung pflegen.

Darüber hinaus bieten viele kanadische Provinzen Schulungen und Bildungsprogramme an, um pflegende Angehörige auf ihre Aufgaben vorzubereiten. Diese Schulungen umfassen praktische Fähigkeiten zur Pflege, den Umgang mit medizinischen Geräten und emotionale Unterstützung, um den Belastungen der Pflege entgegenzuwirken. Solche Bildungsprogramme sind häufig kostenlos oder stark subventioniert und richten sich an unterschiedliche Pflegestufen, um sowohl grundlegende als auch fortgeschrittene Pflegebedürfnisse abzudecken.

Angebote für Respite Care (Entlastungspflege)

Ein weiterer wesentlicher Aspekt der Unterstützung für pflegende Angehörige in Kanada ist die sogenannte Respite Care, auch Entlastungspflege genannt. Respite Care ermöglicht pflegenden Familien eine vorübergehende Auszeit, indem professionelle Pflegekräfte die Betreuung für eine begrenzte Zeit übernehmen. Die Pflege kann dabei zu Hause oder in speziellen Einrichtungen erfolgen.

In Kanada gibt es verschiedene Modelle der Entlastungspflege, die entweder stundenweise, über ganze Tage oder sogar über mehrere Wochen in Anspruch genommen werden können. Das „Home and Community Care Program“ der kanadischen Regierung bietet z. B. flexible Entlastungsangebote an, die auf die Bedürfnisse der Familie zugeschnitten sind. Dies ermöglicht pflegenden Angehörigen, notwendige Pausen einzulegen, eigene gesundheitliche Termine wahrzunehmen oder einfach Kraft zu tanken, was die langfristige Pflegebereitschaft erhöht.

Ein besonderes Beispiel ist das „Hospice Care Program“, das auf schwerkranke Menschen und deren Familien ausgerichtet ist. Es stellt spezialisierte Respite Care zur Verfügung, bei der nicht nur körperliche, sondern auch psychosoziale Unterstützung geleistet wird. Diese Programme tragen erheblich dazu bei, die Belastung der Familien zu reduzieren und verhindern Burnout, das bei langfristiger Pflege häufig auftritt.

Übertragbarkeit auf Deutschland und mögliche Herausforderungen

Die kanadischen Ansätze zur Unterstützung pflegender Angehöriger könnten auch in Deutschland wichtige Impulse setzen, um die häusliche Pflege nachhaltiger und familienfreundlicher zu gestalten. Einige Überlegungen zur Übertragbarkeit solcher Maßnahmen sind:

Finanzielle Unterstützung: In Deutschland gibt es bereits Pflegegeld für pflegende Angehörige, doch die finanzielle Entlastung könnte durch zusätzliche Anreize wie Steuervergünstigungen oder Zuschüsse verstärkt werden. Kanadische Programme zeigen, dass eine direkte finanzielle Unterstützung pflegender Angehöriger einen großen Unterschied machen kann, um die finanzielle Belastung zu mindern. Dies könnte insbesondere für Familien wichtig sein, die ihre berufliche Tätigkeit reduzieren müssen, um Pflegeaufgaben wahrzunehmen.

Schulungsangebote: Die Einführung flächendeckender Schulungsprogramme für pflegende Angehörige könnte deren Kompetenzen und Selbstbewusstsein in der Pflege erheblich stärken. Ähnlich wie in Kanada könnten staatlich finanzierte Schulungen in Deutschland ausgebaut werden, um pflegenden Familien den Zugang zu praktischen Pflegefertigkeiten und psychologischer Unterstützung zu erleichtern. Dies würde nicht nur die Pflegequalität erhöhen, sondern auch das Risiko von Pflegefehlern reduzieren.

Entlastungspflege (Respite Care): Deutschland bietet bereits Kurzzeit- und Verhinderungspflege an, aber die Nutzungsmöglichkeiten und Zugänge sind oft unzureichend oder zu bürokratisch gestaltet. Kanadische Modelle der flexiblen Respite Care könnten als Vorbild dienen, um die Entlastungspflege in Deutschland benutzerfreundlicher zu gestalten. Hierzu wären Anpassungen nötig, um den Zugang zu solchen Leistungen zu erleichtern und die bürokratischen Hürden zu verringern.

Herausforderungen bei der Umsetzung

Die Übertragung kanadischer Maßnahmen nach Deutschland wäre jedoch nicht ohne Herausforderungen:

Finanzierung: Die Einführung zusätzlicher finanzieller Anreize und umfassender Schulungsprogramme erfordert erhebliche finanzielle Mittel. Eine Anpassung der Pflegeversicherung und zusätzliche staatliche Förderung wären nötig, um solche Maßnahmen zu finanzieren.

Bürokratische Hürden: Um die Unterstützung pflegender Angehöriger zu verbessern, müssten bürokratische Verfahren vereinfacht werden. Der Zugang zu Pflegeleistungen sollte weniger kompliziert und für die Angehörigen verständlicher gestaltet werden.

Kulturelle Unterschiede: Während es in Kanada eine starke Tradition der familiären Pflege gibt, ist in Deutschland die Bereitschaft, pflegerische Aufgaben innerhalb der Familie zu übernehmen, unterschiedlich ausgeprägt. Eine kulturelle Sensibilisierung und Informationskampagnen könnten nötig sein, um die Akzeptanz für häusliche Pflege und Entlastungspflege zu fördern.

Insgesamt bietet Kanada wertvolle Ansätze zur Unterstützung pflegender Angehöriger, die das deutsche Pflegesystem bereichern könnten. Durch finanzielle Anreize, umfassende Schulungsprogramme und flexible Entlastungspflege könnten pflegende Familien in Deutschland gestärkt und gleichzeitig die Pflegequalität verbessert werden.

Was kann Deutschland lernen?

Die vorgestellten innovativen Pflegemodelle aus der Welt bieten wertvolle Anregungen für das deutsche Pflegesystem. Jedes Modell hat spezifische Stärken, die zur Verbesserung der Pflegequalität und Entlastung von Pflegebedürftigen und deren Angehörigen beitragen können. Allerdings lässt sich keines dieser Modelle eins zu eins auf Deutschland übertragen, da die Rahmenbedingungen, gesetzlichen Strukturen und kulturellen Unterschiede berücksichtigt werden müssen. Dennoch können einzelne Elemente aus diesen Ansätzen wichtige Impulse liefern, um das deutsche Pflegesystem zu modernisieren und nachhaltiger zu gestalten.

Kurzfristig umsetzbare Maßnahmen
  1. Stärkung der präventiven Pflege: Maßnahmen wie regelmäßige Gesundheitschecks, Bewegungsprogramme und psychosoziale Betreuung für ältere Menschen sollten in der Pflegeversicherung verankert und gefördert werden, um die Gesundheit der Pflegebedürftigen zu stabilisieren und Pflegebedarfe zu verzögern.
  2. Förderung von Respite Care (Entlastungspflege): Flexible und leicht zugängliche Entlastungspflegeangebote nach kanadischem Vorbild könnten in Deutschland kurzfristig ausgeweitet werden. Eine Vereinfachung der Antragsverfahren für Kurzzeit- und Verhinderungspflege sowie zusätzliche finanzielle Mittel für Entlastungsleistungen würden pflegende Angehörige sofort unterstützen und Burnout-Risiken verringern.
  3. Schulungen für pflegende Angehörige: Die Einführung staatlich geförderter Schulungsprogramme für pflegende Angehörige würde kurzfristig die Pflegekompetenz erhöhen und die Pflegequalität verbessern. Solche Programme sollten flächendeckend verfügbar sein und praxisorientierte Inhalte zur physischen und psychischen Betreuung beinhalten.
Langfristig erforderliche Maßnahmen
  1. Ausbau gemeindebasierter Pflegemodelle: Die Integration von Ehrenamtlichen und die Förderung von gemeindebasierter Pflege wie in Skandinavien könnte langfristig dazu beitragen, die ambulante Pflege zu stärken und eine wohnortnahe Versorgung zu gewährleisten. Dazu wären jedoch strukturelle Anpassungen nötig, um Ehrenamt und freiwilliges Engagement besser zu fördern und lokale Koordinierungsstellen für Pflegeleistungen zu etablieren.
  2. Pflege-Wohngemeinschaften fördern: Die Entwicklung von kleineren, selbstverwalteten Pflegeeinheiten nach niederländischem Vorbild könnte langfristig ein zentraler Bestandteil der Pflegeversorgung werden, insbesondere in ländlichen Regionen. Hierfür wären regulatorische Anpassungen, spezielle Förderprogramme und eine Flexibilisierung der Finanzierung notwendig, um solche Wohnmodelle attraktiv und finanzierbar zu gestalten.
  3. Anpassung der Pflegeversicherung: Um langfristige Innovationen zu ermöglichen, sollte die deutsche Pflegeversicherung stärker auf präventive und gemeindenahe Leistungen ausgerichtet werden. Eine Neuausrichtung der Finanzierung von Pflegeleistungen könnte helfen, präventive Maßnahmen, gemeindebasierte Projekte und flexible Pflegeangebote systematisch zu fördern.
Ausblick auf zukünftige Entwicklungen

Die Zukunft des deutschen Pflegesystems wird maßgeblich davon abhängen, wie flexibel und innovativ es sich an den demografischen Wandel und den steigenden Pflegebedarf anpasst. Die vorgestellten internationalen Modelle zeigen, dass kontinuierliche Innovation und die Bereitschaft, neue Wege zu gehen, entscheidend sind, um eine menschenwürdige und effiziente Pflege zu gewährleisten.

In den kommenden Jahren wird es wichtig sein, die Rahmenbedingungen für Pflegekräfte und pflegende Angehörige zu verbessern, um den Pflegeberuf attraktiver zu machen und familiäre Pflege zu erleichtern. Gleichzeitig müssen technologische Innovationen und digitale Lösungen stärker in die Pflege integriert werden, um Pflegeprozesse zu optimieren und Pflegekräfte zu entlasten.

Die internationale Perspektive zeigt, dass kein einziges Modell alle Probleme lösen kann, aber durch eine Kombination bewährter Elemente aus verschiedenen Ländern kann das deutsche Pflegesystem zukunftsfähig gestaltet werden. Entscheidend ist dabei, eine Balance zwischen strukturellen Reformen, finanzieller Unterstützung und gesellschaftlichem Engagement zu finden, um eine nachhaltige Pflegeversorgung für kommende Generationen zu gewährleisten.

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